Justices Stärke, und das würden sie vermutlich auch selbst zugeben, liegen nicht im Songwriting, sondern in der Soundcollage. Ihre besten Stücke bedienten sich großzügig bei Goblin und Michael Jackson, auch kleinere Samples finden sich auf ihrem Debüt, wenn auch öfters ohne Angabe. Das hier als einen Justice-Track auszugeben wäre aber undenkbar gewesen, gerade in ihrer Hörerschaft dürften nun wirklich alle mit dem Original vertraut sein.
Diese Band live zu sehen, machte mir denkwürdig klar, wie wichtig gute Abmischung und Raumakustik sein können. Als Vorgruppe der Editors (die ich nicht bis zum Ende ertragen konnte und so mal selten früh ein Konzert verließ) spielten Asobi Seksu in der Kulturkirche Köln, und nicht auszudenken, wie sie ohne ihren langen Soundcheck geklungen hätten. Die wuchtigen Gitarrenwände wurden von den Kirchenwänden bunt und munter rumreflektiert, dass die Musik völlig anders klang, je nachdem wo man stand.
Mal hörte man keine Vocals, mal fehlte eine Gitarre oder Synthesizer, für die meisten dort anwesenden wird das ein heilloser Matsch gewesen sein. Doch ungefähr in der Mitte der Raumbreite, relativ nahe an der Bühne gab es einen akustischen sweet spot, wo dann alles stimmte und aufgrund der körperlich imposanten Soundwellen eben so viel denkwürdiger wurde, als ich es mir von so einer vermeintlich sicherer abgestimmten Studio-Session wie dieser hätte erwarten können.
Ich bin nicht soo der Textmensch. Was mich an Musik meistens anfixt, sind der generelle Sound (auch von Stimmen), Strukturen, Melodien und Ambiente. Fast schon werden die Lyrics umso interessanter für mich, je weniger wertvoll sie scheinen - in Chartpop beispielsweise. Insofern ist das vielleicht der Grund, warum ich so selten Interesse an Singer/Songwriter-Sachen, Folk und Hiphop mit unflashiger Produktion habe: Ich fühle mich, als müsste ich dort das Drumherum ausklammern und genau auf das hören, was gesungen wird. So könnte ich nach einem Hören hiervon sagen, was dort gesungen wird, mein Gesamteindruck des Stückes ist jedoch ein äußerst vager. Viel lieber ist es mir, wenn erst ein Gefühl für die bloße akustische Wirkung eines Songs bekommen kann, bevor ich mich eventuell unverbindlich dem Text widme.
Ich glaub mich stört es bei solcher - zwischen dem Froschgesang und der fast ebenfalls froschigen Orgel - schrägen, aufgeriebenen Musik, wenn ihr die Schrägheit als Pose am wichtigsten ist. Erst recht, wenn die Band dahinter ansonsten keinen Plan vom Musikmachen zu haben scheint. Derartige anfängliche Befürchtungen werden hier entkräftet, als das Stück eine geschlossen harmonische Wendung nimmt, doch wäre meine Meinung ohne diese Demonstration eines gewissen Grades an Kompetenz (das mutet ja schon rockistisch an, urgh) eine andere gewesen?
Erstaunlich selten taucht hier etwas auf, das ich mir nachher - ob einzeln oder, weitaus häufiger, als Teil eines Albums - gekauft habe. Zumindest in der Hinsicht hab ich wohl schon Ordnung gehalten und diese MP3s anschließend gelöscht, doch das ging nur, wenn ich sie überhaupt wahrnehmen konnte. Murderer ging mir so durch die Lappen, war es doch wie alle Gratis-Downloads von Sub Pop mit einer Nummer (3363.mp3) benannt.
Denn was das Sortieren angeht, setze ich immer noch auf Dateinamen anstatt auf Tags. Weil die typischen Bibliotheks-Programme wie iTunes oder die meiner MP3-Player furchtbar klobig sind, weil Dateimanager wiederum schneller nach Dateinamen sortieren als nach Metadaten, weil ich mir Alben ohnehin auf CD (und mittlerweile auch LP) kaufe, wenn ich sie öfter hören will. Denn das ist ja auch die Sache mit der Ordnung: Es gibt kein “falsches” System, so lange man eine effiziente Methode hat, darin etwas wiederzufinden.
Musik kann wie etwas durch Zauberkraft aus dem digitalen Äther gefischtes wirken. Ein Albtraum für Steve Albini, der alles daran setzt, einen an die physische Herkunft, an die konkrete Entstehung einer Aufnahme zu erinnern. Ein Trick dafür, der unter anderem so denkwürdig auf Surfer Rosa zum Einsatz kam, ist das Nichtentfernen oder Einfügen von Studiogesprächen. So erinnert Spoke vom 2007er Excellent Italian Greyhound nicht nur durch die Wegblendung zu Beginn an eine Radioaufzeichnung, sondern wird genau wie die bereits 1994 bei einer Peel Session aufgeführte Version eingesprochen.
Nix gegen 80er-Synthsoundtrack-Retrofetischismus - im Gegenteil, um die Jahrzehntmitte rum waren meist diejenigen effektiver, die sich nicht darum scherten, sonderlich modern produziert zu klingen und sich Zeitgeisttrends einzuverleiben. Doch wenn man sich schon eine Carpenter-Referenz als Namen wählt, sollte man auch schon irgendwas mit seiner Musik evozieren. In dieser eher banalen Komposition ist aber kein Drama, keine Ambience, kein Aufwühlen, kein Käse, kein Schimmer, kein Träumen - keine der so diversen Wirkungsmöglichkeiten der Fremdartigkeit von Synth-Sounds realisiert, selbst ohne deren 25+ Jahre Geschichte würde sie zu ordinär wirken.
Ein kurios mangelnder Track. Die Zutaten sind völlig in Ordnung, ein dezenter, aber solide konstruierter Groove, drüber ebenso dezente Synthimpulse und auch drumherum ein nicht zu glitchiges Effekt-Biotop, welches das Ganze etwas auflockert. Dass es dennoch auf Dauer zu steif wirkt, liegt an der extremen Überbalanciertheit, in der nichts hervorsteht, die Führung übernimmt, einen innehalten lässt anstatt dass alles nur so vorbeizieht. Ganz so, als sei dies nur das Gerüst eines Songs, der noch mit Instrumental-Melodie und Gesang zu ergänzen ist.
Andersrum ist es natürlich umso schwerer, ein Musikstück zu identifizieren, je weniger Anhaltspunkte es bietet. Texte sind das Nonplusultra, ohne die muss man sich schon irgendwie genremäßig auskennen. Damit ist man hier anfangs noch aufgeschmissen: Eine Synthwolke könnte nun wirklich Anfang oder Hauptbestandteil von fast allem sein, auch das einsetzende Saitengrummeln könnte ebensogut in Chemical Brothers wie einen totalen Psychrock-Freakout übergehen.
Doch dann setzt letzterer ein, und ab hier ist Fachkenntnis gefragt (oje). Klangen die Beatles, Doors oder irgendwelche ihrer Zeitgenossen je so? Nein, dafür ist die Produktion einfach zu voluminös und soweit ich weiß auch das Spiel zu durchgetickt. Ich würd’s +/- 10 Jahre um die Jahrtausendwende datieren - die Flaming Lips vielleicht? Aber die kollaborierten da schon mit Fridmann, und das hier klingt nicht nach Fridmann.
Meine beste Vermutung ist Acid Mother’s Temple, das passt vom Sound her. Gibt sicherlich auch andere Bands, die so klingen, aber da AMT eine der wenigen davon sind, von denen ich Musik besitze, ist es einfach auch wahrscheinlicher, dass ich mir mal von ihnen eine MP3 geladen haben würde. Welche der Dutzend(en) Konstellationen des Kollektivs um Kawabata Makoto, geschweige denn welche der hunderten Veröffentlichungen, da hört aber selbst meine wildeste Spekulation auf.
elbo.ws kann mir da auch nicht weiterhelfen … Ein letzter Anhaltspunkt ist das Datum. Und siehe da: Laut RYM haben AMT am Tag vorher ein neues Album veröffentlicht. Das Audiosample von Crystal Rainbow Pyramid beim Label … ist identisch. Mit einer Combo aus oberflächlichem Genrehalbwissen und Selbstkenntnis geht’s also hier auch mit dem Identifizieren. Wenn das Sample aber z.B. nur aus den ersten 30 Sekunden bestanden hätte, wär ich absolut aufgeschmissen gewesen.
Ich werd jetzt nicht so tun, als hätt ich gewusst, dass das hier ein Cure-Cover ist. Sogar dass Muff Potter hierfür verantwortlich sind, musste ich ergoogeln, mit keiner weiteren Information als einem Dateinamen jumping.mp3 ausgestattet. Doch das WWW macht es ja oft leicht, derlei Informationen zu finden: Eine Textzeile rausgehört, schon waren Songtitel und The Cure klar. Und da es recht wahrscheinlich war, dass ich die MP3 mal von einem Musikblog runtergeladen hatte - heute gäbe es da ein paar mehr Möglichkeiten - musste ich nur noch die Datenbanken von Hype Machine und des - gerade was Älteres anbelangt, das hier z.B. gab es nur dort - umfangreicheren Original-Blogaggregators elbo.ws durchsuchen, schon hatte ich’s. Nicht auszudenken, wieviel aufwändiger das in früheren Zeiten geworden wäre.
Den heißen Scheiß von heute gibt es überall, auf Tausenden von Musikblogs kann man sich mittlerweile mit soviel Musik jeglicher Art eindecken wie man lustig ist.
Doch was passiert mit den Mp3s, die auch nach mehrmaligem Anhören nicht in die feste Sammlung wandern, nicht durch physische Exemplare ersetzt werden, sondern einst beiseite gelegt nun in einem Ordner digital dahinvegetieren?
Dieses Blog soll Revision und Reflektion sein, indem ich meine lose angesammelten Mp3s von vor 5 Jahren der Reihe nach durchhöre und dabei auf Kurioses, unerwartet Relevantes, vergessene Schätze und überschätzte Mittelmäßigkeit stoße.